Studienreise 12.–24. Mai 2025




1: Unsere Route in einer Karte von ganz China. Hier seht Ihr, dass wir tatsächlich nur ein kleines Stück nach Westsichuan in die autonomen tibetischen Regionen Aba und Ganzi hineinfahren.
2: Unsere Route mit Namen in Buchstabenumschrift.
3: Das Satellitenbild macht rechts die Tiefebene von Chengdu, links davon die Longmenfalte und dessen Gebirge, links davon die tibetische Hochebene sichtbar.
Die hauptsächlichen Stationen unserer Route:
Chengdu → Wenjiang → Pengzhou → Chengdu → Chongzhou → Wenjingjiang → Jieziguzhen → Qingchengshan → Dujiangyan → Wenchuan → Rilong → Xiaojin → Majiagou → Danba → Jiaju Zangzai → Bamei → Tagong → Jiagengba → Zheduoshan → Kangding → Moxizhen → Dayi → Baiyansi → Wenjiang → Chengdu

Vorwort
12.05.25 Einchecken in Chengdu
13.05.25 Dienstag Chengdu-Wenjiang-Pengzhou-Chengdu
14.05.25 Mittwoch Chengdu – Chongzhou, Liulicun- Jieziguzhen
15.05.25 Donnerstag Jieziguzhen – Berg Qingcheng – Dujiangyan
16.05.25 Freitag Dujiangyan – Yingxiu – Wolong – Xiaojin – Dawei
17.05.25 Samstag: Dawei Town – Majiagou – Danba, Jiaju Zangzai
18.05.25 Sonntag: Danba – Huiyuan-Kloster-Bamei -Tagong-Kloster-Xinduqiao-Jiagengba-Tiguo-Dorf
19.05.25 Montag: Jiagengba,Tiguo-Dorf – Zheduo Pass – Kangding
20.05.25 Dienstag: Kangding – Yajiageng Pass – Moxi Stadt
21.05.25 Mittwoch: Moxi Stadt -Dayi Chujiang, Baiyansi-Chengdu
22.05.25 Donnerstag: Chengdu
23.05.25 Freitag: Chengdu
24.05.25 Samstag: Chengdu, Abreisetag
Vorwort
Chengdu im Mai kann schon sehr warm sein. Nicht jedoch ihre frühe Morgenluft. Dann ist die Stadt frisch. Vögel rufen sich zu. Die Menschen und die Maschinen die die Strassen reinigen geben dem Morgen mit Besen und mit Wasserstrahl einen ruhigen Takt. Es ist dann noch nicht offensichtlich dass diese Stadt, deren Bevölkerung in den letzten 5 Jahren um 30% zugenommen hat, inzwischen rund 20 Millionen Bewohner zählt.
Zur Vorbereitung auf die Leitung meiner ersten Arzneipflanzenstudienreise seit der Pandemie habe ich vier Tage in einem stillen Tal des Emei Gebirges mit Arzneipflanzen-Bestimmen verbracht. Nun bin ich zurück in Chengdu. Ich freue mich auf meine Gruppe. Von den insgesamt neunzehn Teilnehmenden sind zwei Drittel Naturheilpraktiker die mit TCM-Arzneien arbeiten oder noch in der Ausbildung dazu stehen, ein Drittel sind Pharmazeuten und Pharmaingenieure, die TCM-Arzneimittel herstellen, und einer ein junger Botaniker. Einige von Ihnen habe ich zuvor persönlich kennengelernt. Alle möchten die Arzneipflanzen mit deren Produkten sie arbeiten, deren Herkunft China ihnen aber zum Teil exotisch, fremd, vielleicht auch befremdlich erscheint, näher kennenlernen. Ich möchte durch diese Reise mit meiner (so viel wie möglich) übersetzenden Begleitung einen Zugang zu den Pflanzen selbst, den Kulturen die sich um diese Pflanzen entwickelt haben und den Menschen die mit ihnen arbeiten, ermöglichen.
Je länger je mehr sehe ich Arzneipflanzenkultur als einen der besonders zugänglichen Bereiche um über kulturelle und politische Grenzen hinweg nicht nur voneinander, sondern indem wir die Pflanzen ins Zentrum stellen, auch über unser Mensch-mit-einer-Umwelt-sein zu lernen. Eine Chance, die über die damit beschäftigten Berufsgruppen hinaus besteht. Wahrscheinlich betrachte ich das Thema durch eine rosarote Brille mit grünem Rahmen. Eine «Déformation professionelle». Dennoch…
Aufwachen! Es geht los.

12.05.25 Einchecken in Chengdu
Sechs früher Angereiste haben gemeinsam einen Ausflug gemacht und kommen erst nach dem Abendessen zurück, Sechs gemeinsam spät Anreisende werden erst um 23 Uhr am Flughafen sein. Wir Anderen treffen am Nachmittag im Hotel zusammen und gehen am Abend unser erstes Stück Weg zu Fuss. Am Fluss hinter dem Hotel entlang durch den Kulturpark, dann über die sechsspurige Ringstrasse am ehrwürdigen daoistischen Tempel Qing Yang Gong und der Hütte des Dichters Dufu vorbei zu Chen Mapo Doufu 陈麻婆, gegenüber. Ein schöner Weg.
Das Haus Chen Mapo Doufu ist eines der alten Restaurants die ihren Namen und ihr gutes Essen durch Pandemie und Wirtschaftskrise hindurchführen konnten. Wir sitzen zu siebt, dann zu acht um unseren runden Tisch, kosten und teilen Chengdu-Spezialitäten und einen der vielen Sommerhitzekühlenden Kräutertees, Laoyingcha(Litsea coreana var lanuginosa). Als wir am Abend auf der Dachterasse unseres Hotels bereits zu vierzehnt zu einer ersten Inforunde zusammenfinden, geht es zur Sache. Neben der Besprechung unserer Route im Detail gehören auch Infos zu unserem Reiseumfeld dazu.
Auszug aus meinem Infoblatt zu dieser Reiseroute:
Sichuan, China
China ist gross (Fläche circa wie USA), von vielen Menschen bevölkert (circa 20 % der Menschheit), und in vielerlei Hinsicht sehr vielfältig.
Sichuan ist darin eine der vielfältigsten Regionen bezüglich
- Geographie
- Klima
- Flora und Fauna
- Nationalitäten im Sinne von kulturell und sprachlich verbundenen Volksgruppen oder «Ethnien» (das Wort «Volk» ist im Deutschen wegen dessen exzessiven Missbrauchs negativ belastet, das entsprechende Wort mínzú民族 im Chinesischen hat diese Bürde nicht.)
- Gesprochenen Sprachen
- U.a.
Programm
Wir sind unterwegs
- In der Stadt Chengdu und dem ihr zugerechneten Umland. Sie liegt in einer fruchtbaren Tiefebene auf circa 300 bis 400 m.ü.M.
- In den Grossgemeinden Chongzhou und Dujiangyan die westlich der Stadt Chengdu am Übergang der Tiefebene in die Berge der Longmenfalte mit dem Qingchengmassiv liegen, bis circa 3000 m.ü.M. Administrativ gehören beide noch zur Region Chengdu
- in den westlich an die Region Chengdu angrenzenden Qiang und Tibetisch-bzw Tibetisch selbstverwalteten Regionen Aba und Ganzi. Beide beginnen am Übergang ins Hochgebirge welches sich westlich der Longmenfalte bis über 7000 m.ü.M. auftürmt und erstrecken sich über östlichen Ausläufer das tibetische Hochplateau, dessen Ebene auf circa 3200-3800 m.ü.M. liegt.
Die Menschen mit denen wir unterwegs sind und die wir besuchen sind Kolleginnen und Freunde von mir sowie deren (ehemalige) Studierende. Wir besuchen sie an ihren Arbeitsplätzen oder in Projekten die sie kennen oder betreuen. Wir botanisieren auch auf eigene Faust.
Arzneipflanzen
Wir lernen Arzneipflanzen kennen, die im Westen und Süden von Sichuan heimisch sind und/oder angebaut werden. Zu ihnen gehören «berühmte» Pflanzen der TCM Materia Medica aber auch hauptsächlich lokal und regional bekannte Pflanzen der TCM, der Tibetischen Medizin und/oder anderen lokalen Traditionen.
Damit beginnen wir uns innerlich auf die nächsten knapp zwei Wochen gemeinsamen unterwegs-seins einzustellen. Dann verschwinde ich zum Flughafen um die letzten sechs Leute abzuholen. Um circa Mitternacht sind alle im Hotel.
13.05.25 Dienstag Chengdu-Wenjiang-Pengzhou-Chengdu
Um die Stosszeit zu vermeiden wollen wir früh los. He Shifu unser Chauffeur und Zhangdao, der erfahrene Tourguide der mich bereits auf mehreren meiner Reisen begleitet und unterstützt hat sind vor uns bereit. In der nun vollständigen Gruppe wird Deutsch, Französisch und Englisch gesprochen. Da alle das Englische verstehen, wenn auch unterschiedlich gut, werde ich aus dem Chinesischen ins Englische übersetzen, mit Ergänzungen auf Deutsch und Französisch bei Bedarf.
Unser heutiges Ziel ist der Wenjiang-Campus der Universität für Traditionelle Chinesische Medizin. Am Tor empfängt uns Professor Yin Hongxiang. Er wird uns den ganzen Tag begleiten. Yin Hongxiang unterrichtet Pharmazie und Pharmakognostik am Institut für Ethnomedizin und – Pharmazie der TCM Uni Chengdu und hat mich bei der Planung und Vorbereitung dieser elften Arzneipflanzenstudienreise (der Ersten seit der Pandemie) massgeblich unterstützt.

Zuerst besuchen wir den Botanischen Arzneipflanzengarten der Universität. Bereits hier können wir uns kaum mehr losreissen und bleiben viel länger als geplant. Den ursprünglich geplanten Bibliotheksbesuch streichen wir aus Zeit- und Vernunftsgründen und gehen direkt ins Museum der Universität, wo uns eine Studentin im Freiwilligendienst herumführt und begeistert alles erklärt. Wir versinken im historischen Teil, so dass es für das Herbar leider nur noch teilweise reicht. Überall gibt es viel zu sehen zu fragen und zu erzählen.

Es ist schon nach dem Mittag als wir am Institut für Ethnomedizin und Ethnopharmazie i der Chengdu Universität der TCM 成都中医药大学民族医药学院 ankommen, wo uns Dr Du Leilei herzlich empfängt.

Ethnomedizin und Ethnopharmazie bezeichnet das Studium von lokal und regional weitergegebenen Medizinsystemen, medizinischen Verfahren und Arzneien. In China werden diese nicht nur historisch und ethnologisch erforscht, sondern zum Teil auch als Studium zur Erlernung ihrer praktischer Anwendung angeboten. Letzteres gilt aktuell für die regionalen traditionellen Medizinsysteme Tibetische Medizin, Mongolische Medizin, Uighurische Medizin und Zhuang Medizin in ihren jeweiligen Regionen und beinhaltet die Möglichkeit für diese Spezialgebiete eine nationale Prüfung zur Erlangung der Berufsausübungsbewilligung abzulegen. Geprüft wird dabei auch Medizinisches Grundlagenwissen und Grundkenntnisse der TCM.
Durch die Zusammenarbeit mit Yin Hongxiang und Du Leilei bietet die Reise 2025 die besondere Gelegenheit, zusätzlich zum Zugang zur TCM-Arzneipflanzenkultur einen Einblick in die Traditionelle Tibetische Medizin in Sichuan zu erhalten. Hier auf dem Wenjiang Campus werden seit einigen Jahren Traditionelle Tibetische Medizin und Pharmazie traditionell tibetischer Arzneimittel als eigenständige Studiengänge angeboten. Zum Institut gehören auch Analyselabore für Phytopharmazie mit Schwerpunkt auf Arzneipflanzen der Provinz Sichuan und Forschungsabteilungen für Ethnomedizinische und pharmazeutische Geschichte mit Schwerpunkt auf den Beziehungen zwischen der indischen, tibetischen und der chinesischen traditionellen Medizin. Der Studiengang Traditionelle Tibetische Medizin wird in den Hauptfächern auf Tibetisch und Tibetischsprachigen Lehrmitteln durchgeführt, das heisst die Studierenden müssen dafür Tibetisch in Wort und Schrift beherrschen. Die allermeisten von ihnen sind daher Tibetisch-Muttersprachler.
Medizingeschichtlicher Hintergrund (Nina)
Im Unterschied zu «volksmedizinischen» Traditionen mit hauptsächlich mündlich oder durch persönliche Aufzeichnungen weitergegebenem Wissen, gehört in China die Traditionelle Tibetische Medizin wie auch die Mongolische, die Uighurische, und die Zhuang Medizin, neben der TCM, zu den Medizinsystemen deren Wissen im Verlauf der Geschichte, in unterschiedlichem Ausmass, von schriftkundigen Eliten ihrer Kultur auf der Basis eines bestimmten Menschenbildes aufgeschrieben, systematisiert und in Form von medizinischer Literatur und Lehre weitergegeben und weiterentwickelt wurde.
Die historische medizinische Literatur auf der die heutige TCM aufbaut ist die Älteste und die Umfangreichste. Sie hat ihre Wurzeln in der naturphilosophisch orientierten Kultur der Gesundheitspflege der Zeit vor und um die Qin (221-206 vor Chr) und Hanzeiten (206 vor Chr-220 nach Chr ). Sie ist auch die Basis von Traditionellen Koreanischen und Japanischen Medizinsystemen. Der philosophische Kern der TCM hat seinen Fokus auf Beziehungen und dem Streben nach Balance darin; im Inneren des Menschen zwischen Körper, Geist und Emotionen, im Äusseren zwischen den Menschen und ihrer Umwelt, der Welt. Beides spielt auch im Konfuzianischen und Daoistischen Denken eine zentrale Rolle. Die Wurzeln der Traditionellen Tibetischen Medizinliteratur liegen in der zwischen Mitte des 8. und 14. Jahrhundert auf der tibetischen Hochebene entstandenen tibetisch-buddhistischen Klosterkultur. Ihren philosophischen Kern bildet der Buddhismus in seiner tibetischen Ausprägung mit seinem Fokus auf die Anhaftungen des Geistes als den Ursprung allen Leidens und seine Anweisungen um sie zu reduzieren. In ihren theoretischen Grundlagen ist die Traditionelle Tibetische Medizin stark von der Indischen Ayurveda geprägt. Bei den praktischen Anwendungen hat sie Verfahren der Chinesischen Medizin wie die Pulsdiagnose, das Meridiansystem und die Akupunktur aufgenommen. Ihre Arzneimitteltherapie ist aus der Kombination von lokalem tibetischem Erfahrungswissen und Einflüssen aus der indischen, der chinesischen und der alt-persischen Medizin entstanden.
Dr Ganghuan Chenlei zeigt uns das Institut und stellt uns historische tibetische Unterrichtsmethoden vor bei denen medizinische Thankas (ursprünglich aus dem 17. Jahrhundert), als ‘sprechende Bilder’ verwendet werden. In einer modernen Weiterentwicklung davon sehen wir das Bild eines grossen Baumes mit verschiedenen Ästen um Diagnostik, Pathologien und ihre Behandlungsmöglichkeiten zu lernen.

Von den in Sichuan heimischen Arzneipflanzen wird ungefähr ein Drittel nur in der TCM, ein Drittel nur in der Traditionellen Tibetischen Medizin, und ein Drittel sowohl in der Chinesischen wie in der Tibetischen Medizin eingesetzt. Dazu kommen viele Pflanzen die in lokal begrenzteren volksmedizinischen Traditionen verwendet werden. Die gesetzliche Regulierung für regionale Arzneien, die -bisher- nicht in die Chinesische Pharmakopoe aufgenommen wurden, geschieht über “regionale Standards” die in einem separaten Kapitel der Chinesischen Pharmakopoe beschrieben sind und sich auf wichtige regionale Arzneien beziehen. Diese können dadurch regional legal vermarktet werden. Sichuan ist eine der Regionen mit besonders hoher Biodiversität und damit einhergehend hoher Zahl an Arzneipflanzen.
Yin Hongxiang und Du Leilei arbeiten an der Identifikation und Erforschung von in Sichuan heimischen Arzneipflanzen. Sie zeigen uns ihre Büros und ihr Analyselabor in der Pharmazeutischen Forschungsabteilung ihres Instituts. Einer von Yin Hongxiangs Forschungsschwerpunkten ist chonglou重楼 Paris polyphylla. Der Anbau von chonglou wurde in den letzten circa 6-7 Jahren durch die Verkürzung der Keimzeit von 15 Monaten auf 6 Monate etwas attraktiver. Da der Anbau dennoch mit viel Aufwand, Zeit und finanziellem Risiko verbunden ist, blieb die Wildsammlung trotz Verbot sehr beliebt. Erst nachdem die Bestände von chonglou infolge übermässiger Wildsammlung rar wurden und sein Preis deshalb ins Extreme gestiegen war, entschlossen sich sehr viele Menschen für den Anbau. Inzwischen kommt aus dem Anbau so viel chonglou auf den Markt, dass der Preis massiv gesunken ist. Zum Ärger für jene, die erst auf der Höhe des Preises einstiegen, sehr teures Saatgut kauften und jetzt nach dem Preissturz ihre Wurzeln nur noch für -relativ-wenig Geld verkaufen können. Dieses Beispiel steht für viele andere Arzneipflanzen, deren Entwicklung ähnlich ablief oder noch abläuft.
In der Abteilung für Ethnomedizinische und pharmazeutische Geschichte stellt uns Dr Wang Zhang seine Forschungsarbeiten zu den Beziehungen zwischen der indischen Ayurveda und der tibetischen Medizin, sowie seine Übersetzungen aus dem Sanskrit ins Chinesische vor.

Auch lernen wir einige der sehr engagierten Diplomstudentinnen am Institut kennen. Ihre Professoren sind stolz auf sie, machen sich aber auch Sorgen darüber wie die Zukunft ihrer Studierenden aussehen wird. Sowohl im Bereich der Ethnopharmazie wie im Bereich der Traditionellen Tibetischen Medizin gibt es mehr UniversitätsabgängerInnen als Stellenangebote. Auch an Spitälern mit Tibetisch Medizinischem Angebot in regionalen Zentren sind freiwerdende Stellen rar, in den grossen Städten erst recht. Für die Pharmazie sieht es nur wenig besser aus. In abgelegenen Regionen sind die Jobchancen für Universitätsabsolventen gut, jedoch oft nicht im eigenen Fachbereich, sondern in der Administration oder im Erziehungswesen. Die meisten jungen Universitätsabsolventen möchten zudem nicht weitab der Zentren leben.
Ziemlich spät entscheiden wir uns für ein einfaches Nudel Mittagessen vor dem Campustor um etwas Zeit wettzumachen. Der Genuss eines nach-Mittags nongsuo (Espresso) oder kabu (Capuccino), den die Kaffee-Scouts in der Gruppe fast immer aufspüren können, dauert dann doch etwas länger als erwartet, weil es hier erst am Rand des Umkreises von 1 km eine Kaffeebar gibt. Bis zum Ende unserer gemeinsamen Zeit werden wir unsere verschiedenen Bedürfnisse kennen, in der Planung zu berücksichtigen wissen und eine eingeschliffene Gruppe sein ^^.
Am Xin Lüse 新绿色药业New Green Pharmaceuticals (NGP) Hauptsitz in Pengzhou sind Frau Run und Ihr team flexibel und freuen sich uns Ihre Firma zu zeigen. Yin Hongxiang kennt sie, weil er für die Firma Analysen zur Identitätsbestimmung von Arzneipflanzen durchgeführt hat. Xin Lüse NGP produzieren selbst Granulate und sind inzwischen die sechstgrösste Produzentin in China. Sie zeigen uns ihre vollautomatischen Granulat Portionierungs und Abpackmaschinen sowie ihre halbautomatischen Dekoktierungsanlagen. Mit diesen stellen sie für Spitäler Dekokte nach individualisierten Magistralrezepturen für deren stationär aufgenommenen Patienten her. Die Rezepte werden einmal täglich am Vormittag digital in die Firma geschickt, die fertigen Dekokte für die gewünschte Anzahl Tage werden am selben Nachmittag ins jeweilige Spital gebracht. Dieses Verfahren hat sich seit der Corona Pandemie etabliert. Es ist effizienter als wenn jedes Spital selbst Dekokte herstellt. Die Kräuter selbst werden mehrmals nach Pharmakopoe kontrolliert bevor sie dekoktiert werden. Für das fertige Dekokt wird nur noch die Konzentration der Flüssigkeit, die Menge des Sediments sowie die Identität der Etiquetten kontrolliert. Wir sind beeindruckt von der Grösse der Anlagen und deren technischen Möglichkeiten.


Ausserdem werden auf den von Ihnen gepachteten Feldern bzw im Vertragsanbau 80% des chinesischen chuanxiong 川芎 produziert, sowie über das ganze Land verteilt inzwischen auch viele andere Arzneipflanzen. Vor 22 Jahren besuchte ich mit meiner ersten Kräuterreise die GAP zertifizierten chuanxiong-Felder der heutigen Firma Xin Lüse NGP. Mit diesem Projekt hatten sie damals begonnen. Kürzlich übernahmen sie einen Rohdrogenhersteller um ihre gesamte Lieferkette kontrollieren zu können. Eindrückliche Dimensionen.
Heute kehren wir zu den Anfängen der Firma zurück indem wir ihre ersten Felder besichtigen. Es wird immer noch chuanxiong im Wechsel mit Reis dort angebaut. Die Setzlinge werden ab Februar in den Bergen auf über 1200 M.ü. M. gezogen. So entstehen starke, wiederstandsfähige Pflanzen. Davon werden im August Stecklinge in die fruchtbaren Felder der Tiefebene gesetzt aus denen innerhalb von 9 Monaten die chuanxiong Knollen wachsen. Nach ihrer Ernte im Mai werden die Felder geflutet und Reis angebaut der nach 100 Tagen erntereif ist (!). Das Fluten spült viele Schädlinge weg. Nach der Reisernte werden direkt wieder chuanxiong Stecklinge gesetzt und mit Reisstroh gemulcht um die Feuchtigkeit im Boden zu bewahren und Unkraut zu untersrücken. Im kreisrunden Verwaltungsgebäude des Anbaugebietes ist eine kleine Ausstellung installiert, die den Entwicklungskreislauf anschaulich zeigt. Ausserdem gibt es eine Ausstellung von diversen Produkten die Inhaltstoffe der chuanxiong Pflanze oder der Arznei aus der chuanxiong Wurzel enthalten. Während fast alle von uns eine Bestellung für Zahnpasta mit chuanxiong Extrakt aufgeben und Einige von uns auch für Haarshampoo, pflückt Zhangdao draussen auf dem Feld chuanxiong Kraut für unser Abendessen. Er hat vor, daraus für uns ein Gericht zu zaubern. Hier ist es üblich, dass Gäste ein wildes oder sonstwie besonderes Gemüse mitbringen und in der Restaurantküche selbst zubereiten dürfen, als Ergänzung zu dem was wir bestellen. Sofern sie das nötige Selbstbewusstsein dafür an den Tag legen. Daran mangelt es bei Zhangdao nicht.

Für unser Abendessen kehren wir auf dem Heimweg in einem Nongjiale (Landgartenrestaurant) am Weg ein, weil es schon so spät ist. Auch für den Koch und Besitzer ist es schon spät, aber er schmeisst für uns die Herde nochmal an und zaubert blitzschnell zu Essen für Alle auf die Tische. Erschöpft und gefüllt mit Eindrücken fallen wir nach der Heimfahrt in unsere Betten.
14.05.25 Mittwoch Chengdu – Chongzhou, Liulicun- Jieziguzhen
Der Morgen fängt für uns heute noch früher an. Wir verlassen Chengdu für unsere 8 tägige Rundreise nach Westsichuan, mit all unserem Gepäck. Nach dem Frühstück ist unser erstes Ziel die Grossgemeinde Chongzhou. Dort dürfen wir die von der Gemeinde Wenjjingjiang in den Dörfern Daping und Liuli in Form einer Genossenschaft bewirtschafteten Tee, Bambus und Arzneipflanzenfelder besichtigen.
Vor Ort werden wir am Fuss des Bergs vom aktuellen Bürgermeister, dem Präsidenten der Kommission für technische und wissenschaftliche Entwicklung (dem früheren Parteisekretär) und dem Verantwortlichen für die Vermarktung der lokalen landwirtschaftlichen Spezialitäten empfangen. Sie möchten uns zuerst den Bambus und die Teebäume in im Bergweiler Dapingcun zeigen. Unser Bus ist zu gross für die schmale, nicht asphaltierte Bergstrasse. Anstatt in PKWs umzusteigen und in mehreren Ladungen hochchauffiert zu werden entscheiden wir uns dafür den halbstündigen Aufstieg zu Fuss zu machen. Bereits im Tal sehen wir Felder mit den Arzneipflanzen chonglou 重楼(Paris polyphylla) und baiji 白芨(Bletilla striata) im Schatten von houpo 厚朴(Magnolia officinalis) und huangbo 黄檗(Phellodenron amurense) Bäumen stehen, deren Rinden ebenfalls zu wichtigen Arzneien verarbeitet werden.

Entlang des steilen Fusswegs kommen wir an der Bambusspezialität Stachel Bambus 刺黑竹(Chimonobambusa neopurpurea Yi, wegen des Aussehens seiner Sprossen auch niuweizhu 牛尾竹 Ochsenschwanzbambus genannt)und der lokalen Teevariante pipacha 枇杷茶(Camellia sinensis var. Pipa) vorbei. Beide werden hier im sogenannten Halbwild-Anbau kultiviert. Die dunkelvioletten Sprossen des Stachelbambus sind sehr begehrt. Sie werden als Gemüse frisch zubereitet oder mit salzig eingelegt und fermentiert. Sie vermehren sich an diesen Berghängen von selbst. Auch die Pipa Teebäume wachsen und vermehren sich hier wild, jedoch nicht wie der Bambus mittels Wurzelausläufern, sondern durch Samen.


1: 300 Jahre alter Teebaum Camellia sinensis var. Pipa
2: Stachelbambus
Beide Spezialitäten haben vor Kurzem das Chinesische DOC Label erhalten und werden zu einem sehr guten Preis verkauft. Der Tee wird erst von Bäumen geerntet die mehr als 30 Jahre alt sind, die ältesten noch bewirtschafteten Bäume sind circa 300 Jahre alt, auch solche sehen wir entlang des Wegs. Wie auch in anderen Regionen wo Teebäume wild wachsen, stehen die ältesten, bis 1000-jährigen Bäume nur noch tief im Wald verborgen. So sind sie vor uns Menschen geschützt. Die Teeblätter werden mit Hilfe von Leitern von Hand gepflückt und zu Schwarz, Grün- und Weisstee verarbeitet. Wir werden mit einem schwarzen Tee bewirtet. Er ist noch etwas frisch, aber bereits sehr schmackhaft, für mein Empfinden ein sehr guter Tee. Wie alle Tees von alten Teebäumen, entfaltet er sein volles Aroma erst nach einigen Monate Lagerung.
Wir laufen den Hang auf den Lehrwanderwegen noch etwas weiter hinauf durch das Wald-Halbwild-Anbaubaugebiet und ein Stück weit in den darüberstehenden unkultivierten Wald hinauf. In Zusammenarbeit mit Schulen aus den umliegenden Städten werden Klassenausflüge hierhin durchgeführt um den Kindern und Jugendlichen die Natur näher zu bringen. Die hier auch lebenden Pandabären sehen wir nicht. Sie verzichten meist gern auf unsere menschliche Gesellschaft.^^Zwischen den Bäumen werden auf kleinen Flächen sowohl Gemüse wie auch Arzneipflanzen zum privaten Gebrauch der Bewohner angebaut, dahinter wächst die unglaublich vielfältige Flora der West-Sichuaner Berggebiete.



1: beim Tee in Dapingcun
2: Hühnersuppe mit Morcheln und Jujubendatteln aus eigenem Anbau. Dahinter Coptisblüten und Esskastanienblütengemüse.(Photo©Christiaan Spangenberg)
3: in der Paris-Forschungsstation in Liulicun
Nach dem z’mittag in Wenjingjiang am Fluss mit Wildgemüsen, huanglian- (黄连Coptis chinensis) und Esskastanienblüten, shui qingcai 水芹菜 (Oenanthe javanica, wildem Wassersellerie) und vielen weiteren lokalen Spezialitäten gehts zum Wald-Arzneipflanzenanbaugebiet innerhalb eines Naturschutzgebietes. Die Gemeinde erschliesst es aktuell auch touristisch für Städter die im Sommer die Kühle der Natur in den Bergen suchen. Die Bauarbeiten für ein kleines Hotel und die Wanderwege und sind schon fast abgeschlossen. Das Anbaugebiet hinter der touristischen Infrastruktur ist gross und weitläufig, auf seiner ganzen Fläche bewaldet und an leichter bis steiler Hanglage. Hier sehen wir im Schatten der Fichten, Zedern und anderen Bäume Beete mit huang lian (coptis chinensis) stehen, die wir zum Mittag auf dem Tisch hatten, dazu Beete mit bai he (Lillium brownii), huang jing (Polygonatum kingianum) du juan lan (Cremastra appendiculata) aus der die Arznei shan ci gu hergestellt wird, chong lou (Paris polyphylla), und bai ji (Bletilla striatae).
Solche Mischkulturen sind besonders in kleinräumigen Bergregionen wie hier in Sichuan sehr üblich, aber auch auf grösseren Kulturflächen häufig.
Mir scheinen sie auch eine Entsprechung zu sein des in der chinesischen Kultur stark verankerten Grundgedankens, dass eine Mischung von Verschiedenartigem immer besser, weil ausgewogener, funktioniert als eine grosse Menge von völlig Gleichartigem. Die Mischkulturen ermöglichen optimales Ausnutzen der verschiedenen Ebenen im Raum und der Ressourcen der Erde indem zum Beispiel kleinere Pflanzen von den Höheren beschattet und die Wurzeln der Grösseren durch die Bodendeckung der Kleineren vor dem Austrocknen beschützt werden. Der Fruchtwechsel zwischen Arzneipflanze und Reis wie wir es bei chuanxiong in der Ebene gesehen haben, kann für beide eine Verringerung von Schädlingsbefall bewirken und damit einen verringerten Bedarf an Schädlings – bzw Krankheitsbekämpfung bei den Pflanzen. Die Präventionswirkung ist gut. Behandlung kann dennoch nicht immer vermieden werden. Hier im Naturschutzgebiet ist die Vermeidung oder zumindest ein sehr zurückhaltender Einsatz von Agrochemikalien Programm und Teil des Marketings.
Andernorts wird auch mit chemischen Keulen hantiert.
Yin Hongxiang’s Germplasm-Forschungsstation für chonglou befindet sich ebenfalls an diesem Berg, die lokale Regierung stellt ihm dafür ein Gebäude mit Umschwung zur Verfügung. Wir besichtigen die Hunderte Paris-Arten und Varianten die er bereits gesammelt hat und holen seine beiden Studentinnen Zhou Rongrong und Yang Lu ab, die die letzte Woche hier oben auf der Station verbracht haben. Er wird heute Abend mit ihnen nach Chengdu zurückfahren und in ein paar Tagen wieder zu uns stossen. Zum Abschluss steigen wir zum 1000jährigen, fruchtbarkeitsspendenden Gingko hinauf. Dieser Baum steht in einem hoch und relativ abgelegenen Talkessel. Er ist ein kleiner Pilgerort. Auf dem Weg kommen wir an grossen Beschattungszelten vorbei, unter welchen Gestelle voller Behälter in der Form von überdicken PET-Flaschen gefüllt mit erdig-holzigem Material stehen. Es ist Pilzsubstrat. Darin werden hier Pilze gezüchtet die sowohl als Heilpilze wie auch Speisepilze konsumiert werden.

Im Schatten gezüchtete Pilze (Photo©Christiaan Spangenberg)
Wie vielerorts in Sichuan haben die Menschen hier Wurzeln in Völkern die in den letzten 1000 Jahren auf der Flucht vor Krieg und Naturkatastrophen hierhin gezogen sind. Hier in Liulicun stammen viele Menschen von den Sato ab, einem Volk aus dem Nordwesten, weswegen viele ein leicht zentralasiatisches Aussehen haben. Wir geniessen den Spaziergang zurück durch den schattigen Wald, nochmal an all den Arzneipflanzen vorbei die dort gedeihen. Plötzlich erscheint eine junge Frau neben mir die sich als Reporterin des Chongzhouer Fernsehens vorstellt und mich um ein kurzes Interview zu unserem Besuch hier in der Gemeinde Wenjingjiang bittet. Das digitale Buschtelefon. Ich erzähle ihr gerne, dass mir das naturnahe Konzept hier gefallen hat.

Zum Abschied kaufen die Teeliebhaber unter uns noch Pipa Schwarztee ein, dann machen wir uns auf den Weg zu unserem Ziel für die Nacht, Jieziguzhen. Es ist ein über tausend Jahre altes (ehemaliges) Marktstädtchen am Weijiang Fluss deren Kern vor circa 30 Jahren im architektonischen Stil der mandschurischen Qing (1644-1911) Dynastie, zum Teil im Stil der Ming (1368-1644) wiederaufgebaut und touristisch erschlossen wurde. In diesem sehr hübschen, gut besuchten Ort übernachten wir in einem ruhigen Boutique-Hotel am Fluss. Am Abend nach dem Essen im Garten unseres Restaurants, auch das am Fluss, holen wir unsere Vorstellungsrunde nach. Ich erzähle auch die Geschichte der Entstehung von tcmherbs.org. Nun wissen wir voneinander woher wir kommen und können uns so eher als Gruppe wahrnehmen. Das tut gut.
15.05.25 Donnerstag Jieziguzhen – Berg Qingcheng – Dujiangyan
Wir verlassen das Städtchen Jieziguzhen schon wieder und fahren nach Sanwei am Fuss der nahegelegenen Qingcheng Berge. Von dort können wir die öffentlichen Wanderwege der Stadt Dujiangyan, die ausserhalb der grossen touristisch ausgebauten und stark besuchten Anlagen liegen, zu Fuss erreichen.

Das Qingcheng Massiv ist einer der Geburtsorte des religiösen und politischen Daoismus. Seit zweitausend Jahren wurde das Gebirge als spiritueller Rückzugsort beschrieben. Wir laufen abgelegene, steile, manchmal gewundene Wege den Berg hinauf. Kleine Teehaine mitten im Wald zeigen uns an, dass wir uns bereits in der Nähe des daoistischen Jade Klarheit-Tempels befinden. Pavillons mit Sitzgelegenheiten am Hang kurz vor der letzten Treppe vor dem Eingang zum Tempel laden dazu ein, innezuhalten. Sich zu sammeln, vielleicht, wenn ein Bedarf entsteht. Der Tempel ist offen, wir dürfen uns selbst zurechtfinden. Die ‘aus dem Familienleben Ausgestiegenen’, so die Bezeichnung der Daoistinnen die hier für eine bestimmte oder eine unbestimmte Zeit leben, grüssen uns freundlich als wir uns an den Tischen ihres Essraums im Innenhof verteilen, währenddessen sie ihre im Wald gesammelten Kräuter auf Bambusmatten zum Trocknen ausbreiten und die frisch gepflückten Teeblätter zur Weiterverarbeitung bereitlegen. Jiao gu lan, Gynostemma pentaphyllum, das bei uns als “Langlebenskraut” vermarktet wird, liegt neben huoxiang Agastache rugosa, und Löwenzahn (pu gong ying Taraxacum mongholicum), sehr nützlichen Hausmitteln gegen Sommergrippe mit Durchfall und Erbrechen. Auf einer anderen Matte liegen Weisskohlblätter zum Vortrocknen. Sie werden später mit Rettich zu eingelegtem Gemüse verarbeitet. Ein junger Praktikant bedient die Teekasse und zeigt uns wo wir Tassen und Gläser finden. Wir trinken den selbstgemachten Grün-Pflaumensirup (Prunus Mume) der Daoistinnen, kaufen von ihrem Tee. Ich geniesse ihre heitere Gelassenheit angesichts unserer Neugier und unserer Konsumlust.
Jetzt, da ich mich an sie erinnere werde ich im Inneren leichter. Lächle, über mich, über uns.
1: Teehaine mit Pheromonfallen
2: Eingangstreppe
3: stiller Zwischengang
4: frisch gepflückte Teeblätter im daoistischen Yu Qing Gong Tempel, Qing Cheng Shan
Zurück am Fuss des Berges kehren wir bei Ding Dajie zum Mittagessen ein. Wir werden von ihr und ihrem Sohn (weil wir eine so grosse Gruppe sind hilft er in der Küche) mit Rindfleisch-Nudelsuppe, vielen Wildgemüsen, scharf gewürztem Seidendoufu, selbst eingelegtem Gemüse, ihrem hausgemachten Speck, und zum Dessert mit hausgemachten Laozao (fermentiertem süsser Reis mit kleinen Klebreisbällchen) köstlich bewirtet.

Von diesem Rückzugsort aus fahren wir direkt ins Getümmel des im wahrsten Sinne des Wortes grossartigen (und immer intensiv besuchten) 2200+-jährigen Dujiangyan Stauwehrsystems. Es ist eine Wasser-Verteilungsanlage die bis heute dafür sorgt, dass die Tiefebene von Chengdu sowohl von Überschwemmungen wie von Wasserknappheit verschont bleibt und eine der am höchsten bewerteten historischen Sehenswürdigkeiten ganz Chinas. Seine Geschichte mit den dazu zu erzählenden Geschichten rund um seine Entstehung und die Menschen die daran beteiligt waren (inklusive deren Beziehungen untereinander) finde ich immer wieder spannend und unendlich. Feucht-warmes Wetter und das ungewohnte Schwadern im Menschenmeer dazu machen das ganze Erlebnis als Gruppe recht anstrengend. Unser Hotel in der Stadt Dujiangyan, wieder direkt am Fluss, kühl und grosszügig, zusammen mit einem Abend im Freien hilft bei der Erholung. Es ist so schön ins Fliessen zurückzufinden.

16.05.25 Freitag Dujiangyan – Yingxiu – Wolong – Xiaojin – Dawei
Yin Hongxiang mit Zhou Rongrong und Yang Lu sind wieder mit uns als wir morgens nach Yingxiu, Kreis Wenchuan, zum Botanischen Garten der Familie Liu losfahren. Wenchuan gehört politisch bereits zur Tibetisch und Qiang selbstverwalteten Region Aba. Hier im an Chengdu angrenzenden Kreis Wenchuan ist die Bevölkerung jedoch hauptsächlich von den ursprünglich in diesen Bergen lebenden Qiang und den Han geprägt.
Der Garten der Familie Liu in Yingxiu ist nicht nur Lern- Forschungs- und Produktionsstätte sondern auch ein Kunstwerk. Die ganze Gartenanlage ist geschmückt mit selbstgemachten Mosaiken aus Scherben von bunten Schnapsflaschen die die Geschichten der Pflanzen, ihrer Familien und beider Erkennungsmerkmale erzählen und darstellen.
1: Die Familie der Hahnenfuss
gewächse (Ranunculaceae) mit Mosaiken erklärt
2: Im Inneren des Lilien
Kelchs die Famile der Liliengewächse kennen
lernen
3: Aus der Perspektive eines Käfers
die merkwürdig wunderbare Welt erleben
Der Vater und seine beiden Söhne mit Familie züchten gemeinsam Orchideen und viele andere heimische Zier- und Medizinalpflanzen. Sie haben sich ihr Pflanzenwissen durch Praxis und im Selbststudium angeeignet. Inzwischen arbeiten Sie mit botanischen Gärten und Forschungsinstituten aus ganz China zusammen an der Erforschung und Züchtung von hier heimischen Pflanzen. Auch empfangen sie Schulklassen um ihnen die Pflanzen selbst und die botanische Systematik näher zu bringen. Der jüngere Sohn und seine Frau bekochen uns mit einem weiteren wunderbaren Mittagessen mit lokalen Spezialitäten: wilde Bambussprossen und anderes Wildgemüse, Wildpilzomelett, Baumnussblüten, Yamsblätter, eigener Speck und Vieles Mehr.

Damit wir grad noch vor dem sich anbahnenden Stau vor und hinter zwei Lastwagen die hier auf der engen Bergstrasse in einem Auffahrunfall einen Blechschaden produziert haben und auf die Polizei warten, durchflitzen können, ist unser Aufbruch etwas plötzlich. Das wird uns nicht übelgenommen. Wir haben Glück, schaffen es gerade noch und sind unterwegs durch das langgestreckte, üppig grüne Wolong Tal, dass sich schliesslich den Berg hochwindet.
Der Balangshan ist unser erster Pass. Die Passhöhe, 4481 m.ü.M. unterfahren wir im Tunnel, dessen höchster Punkt aber auch schon stolze 3900 m.ü.M beträgt. Der höchste Gipfel des Balang Massivs hat eine Höhe von 5040 m.ü.M. Die dicken Regenwolken machen ein klein wenig Platz so dass wir den Schnee an den hohen Hängen sehen, die schönen Gipfel der vier-Mädchen-Berge bleiben jedoch im Verborgenen. Auf die grosse Höhe sind wir alle gut vorbereitet. Mit klaren Informationen und Verhaltensempfehlungen im Vorfeld (genug Wasser trinken, keinen Alkohol, sich nicht überanstrengen) und dem wunderbaren Rhodiolaextrakt (hongjingtian 红景天Rhodiola crenulata, Radix) dass dem Körper dabei hilft, sich an die sauerstoffärmere Luft zu gewöhnen.
Auf der anderen Passeite zieht sich das Rilong-Tal im Nebel dahin. Wir sind hier im hauptsächlich von den Jiarong geprägten Teil der Region Aba angekommen. Die Jiarong Menschen werden offiziell zu den tibetischen Völkern gezählt, haben aber eine eigene, nur noch wenig gesprochene Sprache, die sich von den Tibetischen Sprachen unterscheidet, sowie eine charakteristische traditionelle Architektur. Ihre bemalten Steinhäuser mit den hohen Wachtürmen erinnern sowohl an die früheren Formen der Nachrichtenübermittlung wie auch an die vielen kriegerischen Auseinandersetzungen die in diesen steilen Tälern stattgefunden haben. Heute schmücken sie das Tal.
Wir fahren direkt zum Tal hinaus nach Xiaojin wo wir Wang Xiaoyan, eine ehemalige Studentin Yin Hongxiangs die nun hier in der Apotheke des Spitals für tibetische Medizin arbeitet, in einem versteckten und sehr gut besuchten Restaurant zu Yak-und-Wildpilz-Feuertopf mit frisch gebackenem Fladenbrot treffen. Ein Feuertopf ist eine Suppe die auf dem Tisch auf einer Flamme steht und weiterköchelt, während wir selbstgewählte weitere Zutaten hineingeben und dann direkt daraus essen, wie bei einem Fondue.
Erst spät zum Schlafen fahren wir das Tal wieder hoch zu unserem Hotel in Dawei. Es ist ein neues Gebäude mit viel Rosa und riesigen Rosenskulpturen an den Fassanden. Im Moment interessiert mich nur noch das Bett. Es ist gut. Am nächsten Morgen sehe ich vom Zimmer aus Rosenfelder, kleine und grosse, bis so weit am Hang oben wie der Nebel es zulässt. Nachdem ich mir auch noch einen der offerierten Rosenblütentees gebraut und getrunken habe nähere ich mich an. Meine anfängliche Kitsch-Skepsis weicht dem Respekt als ich Im Foyer erfahre, dass der Anbau von Damaszener Rosen und deren Verarbeitung hier als Aufbauprojekt bitter benötigte lokale Arbeitsstellen schafft mit Inklusion von Menschen ohne Ausbildung und Menschen mit Behinderungen. Das Projekt überzeugt mich. Ebenso habe ich die Rose als wohltuenden Tee von Neuem schätzen gelernt. Diese Blume gibt uns so viel Verschiedenes!
17.05.25 Samstag: Dawei Town – Majiagou – Danba, Jiaju Zangzai

Noch auf dem Heimweg vom gestrigen Abendessen erreicht uns die Nachricht eines Erdrutsches auf der Landstrasse nach Meiwu. Er wird bis heute am Morgen noch nicht fertig geräumt sein. Zwar ist jetzt noch nicht “Regenzeit”. Da das Gestein hier jedoch sehr komplex und dadurch locker aufeinanderliegt, rutscht es schnell. Wang Xiaoyan hat noch gestern Nacht in ihrem Netzwerk von KollegInnen nach Kontakten zu einem anderen, für uns erreichbaren Kräuteranbauprojekt gesucht und gefunden. Nach dem Frühstück fahren wir nun nach Majiagou im Tal Richtung Maerkang wo kürzlich ein weiteres Gemeinde-Anbauprojekt von vier wichtigen Hochgebirgs-Arzneipflanzen gestartet ist. Es wurde erst vorletztes Jahr initiert. Der Sekretär der Gemeinde begrüsst uns, dann lässt er uns mit einem der Initiatoren des Projekts, Sun Jisi, einem Studienkollegen von Wang Xiaoyan, allein die Felder besichtigen. Hier oben auf etwas über 3000 M.ü.M sehen wir qiang huo 羌活 (sie kultivieren sowohl Notopterygium incisum wie auch N. forbesii), ci wu jia 刺五加 (Eleutherococcus senticosus), chuan bei mu 川贝母(Frittillaria cirrhosa) und bai he 百合(Lillium brownii), im Feld.


1: Von rechts: Sun Jisi, Begleiter des Anbauprojektes in Majiagou, Wang Guiming der erfahrene Anbauer und Berater, Nina, Yin Hongxiang. Am Feldrand vor Wang’s Infotafel zu seinem Kräuteranbau.
2: Auf Wang Guiming’s chuan bei mu (Frittillaria cirrhosa) Feld oberhalb Majiagou, bei einem grossen Medizinalrhabarber Rheum palmatum
Alle vier Arzneipflanzen wurden, wie chonglou Paris polyphylla, bis vor wenigen (5-6) Jahren noch hauptsächlich wildgesammelt, wurden rar, werden jetzt aber -langsam- zunehmend angebaut. Langsam weil der Anbau sowohl zeitintensiv (wegen des langsan Wachstums der Pflanzen) wie risikoreich (wegen der Wetterschwankungen) ist und daher am Ende nicht viel Einkommen herauschaut, obwohl Arzneien aus diesen Arten am Markt zu den Hochpreisigen gehören. Von den einigen Hundert Haushalten in dieser Dorfgemeinschaft beteiligen sich jetzt in der dritten Saison erst fünf am Anbau. Einige Kilometer weiter oben im Tal besuchen wir den erfahrenen Anbauer Wang Guiming, der das neue Projekt mitbegleitet, und die Universitätsabsolventen berät. Seine qiang huo (Notopterygium incisum) sind schon ein Jahr länger im Boden, das dritte Jahr, nächstes Jahr wird er die Wurzeln ernten. Seine chuan bei mu haben die gerade ihre erste Spitze aus der Erde gestreckt, sie wurden bereits vor zwei Jahren gesät! Auch er kann nur circa die Hälfte seines Einkommens mit dem Arzneipflanzenanbau bestreiten, für die andere Hälfte sucht er sich Jobs in der Stadt Xiaojin. Yin Hongxiang sagt, der Druck auf die Wildstandorte habe durch den zunehmenden Anbau von Arzneipflanzen in den letzten zehn Jahren stark abgenommen, viele Wildbestände erholten sich. Inzwischen sieht er in der oft mangelhaften Qualität der angebauten Pflanzen das grössere Problem. Es fehlt bei vielen Anbauern noch an Wissen und Bewusstsein um die Anforderungen an eine qualitativ gute Arzneipflanze.
Tief beeindruckt vom Aufwand der für den Anbau dieser Pflanzen betrieben wird fahren wir das Tal wieder hinunter und weiter nach Westen, Richtung Danba. Unterwegs kehren wir im Restaurant der Familie eines weiteren Studienkollegen ein. Es ist Wochenende, dann hilft er jeweils zu Hause aus, so lernen wir auch ihn kennen. Er arbeitet sonst im Hauptort der Region im Umweltbüro. Seine Aufgabe dort ist die Analyse von Wasser, Luft und Bodenqualität. Diese drei jungen Leute sind sogenannte “Rückkehrer”, sie haben eine universitäre Ausbildung und waren bereit danach eine Stelle in ihrer abgelegenen Heimatregion anzunehmen. Damit gehören sie zu einer sehr gesuchten und begehrten Minderheit.

Nach diesem Tag mit intensivem Austausch fahren wir weiter in Richtung der Stadt Danba am Zusammenfluss dreier Flüsse. Unterwegs erleben wir zum ersten Mal auf dieser Reise die Intensität der tibetisch-buddhistischen Gebetstradition, um den Tempel am Fusse des dort heiligen Muerdo Berges. Sie ist hier die sichtbarste religiöse Tradition, obwohl wir noch nicht auf der Hochebene sind, dem tibetischen Kernland. Gebete für sich selbst, die Familie und die ganze Welt werden ununterbrochen in die Luft geschickt, mittels riesiger und kleinster Gebetsmühlen, von Hand oder von Wind und Wasser in Bewegung gebracht, auf Gebetsfahnen, in Worten, still gemurmelt oder laut, im Klang von Glocken und Trommeln. Der Rauch von Zedern, Beifuss und Wachholderzweigen steigt duftend aus den Räucheröfen, reinigt von allem Bösen. So magisch wie abergläubisch die Formen. Sie können uns die Kraft der menschlichen Hingabe sicht- und spürbar machen. Sie können uns auch etwas vormachen. Wenn wir uns täuschen lassen.

In einem Seitental hinter Danba, dem Ort am Zusammenfluss dreier Flüsse, verlassen wir unseren grossen Bus und steigen in kleine shuttle-busse um die uns ins tibetische Dorf Jiaju hochtransportieren. Dort werden wir die Nacht in einem der “Heimhotels” verbringen. Dieses Dorf hat sich gemeinsam dafür entschieden ein Minsu 民俗 (Heimhotel, Agritourismo) Dorf zu werden, das heisst die Bewohner bieten in ihren Häusern Unterkünfte für Touristen an, deren Anzahl, Ausbaustandard und somit Preis sie selber bestimmen. Eine Firma übernimmt die Verkehrsinfrastruktur mit der Strassenpflege und den Zubringerbussen. Das ganze Dorf ist wunderschön und gut gepflegt. Hier hat dieses Konzept gut funktioniert!
Nach einem feinen Essen wieder mit frisch gebackenem Fladenbrot botanisieren wir an den Strassenrändern des Dorfes und fallen dann ins Bett.

18.05.25 Sonntag: Danba – Huiyuan-Kloster-Bamei -Tagong-Kloster-Xinduqiao-Jiagengba-Tiguo-Dorf
Heute wird unser längster Busfahrtag. Wir werden uns nicht nur an Kilometern weit weg bewegen, sondern auch an kulturellem Abstand und an Höhe über dem Meer. Wir verlassen die stark gefalteteten Gebirgstäler der Jiarong und Qiang und fahren auf die hauptsächlich tibetisch bewohnte Hochebene. Nach der Abfahrt mit den kleinen shuttlebussen unseres Minsu Dorfes beginnen wir, wieder in unserem grossen Bus, den Anstieg durch das eng gewundene Tal von Danba auf 1800 m.ü.M. nach Bamei in der tibetischen Hochebene auf circa 3500 m.ü.M. Heute haben wir keine Arzneipflanzenprojekte auf dem Radar. Im Grasland auf dieser Höhe sind erst wenige Pflanzen aus ihrer Winterruhe erwacht. Wir schauen, wo wir vorbeifahren, was dort schon wächst. Wir werden unterwegs auch zwei der zahlreichen tibetisch-buddhistischen Klosteranlagen besuchen. Die erste ist das Huiyuan-Kloster (Tib: Garthar Gompa).
Wir kaufen Eintrittskarten und werden dann von einem freundlichen Mönch durch die ehrwürdige Anlage geführt. Von ihm hören wir dass sie 1728/29 durch den 7. Dalai Lama, der in der Nähe aufwuchs, gegründet wurde, mit finanzieller und materieller Unterstützung des damaligen Qing Kaisers Yongzheng. Auch der 11. Dalai Lama verbrachte nach seiner Erkennung als Dalai seine Jugendjahre an diesem Ort, bevor er als religiöses und politisches Oberhaupt nach Lhasa in den Potalapalast zog. Die unzähligen Geschichten, von den wilden Bildern an den Wänden erzählt, die Rezitationen der Mönche deren viele Stimmen die Haupthalle beruhigend ausfüllen, die halbleisen Erklärungen unseres Klosterguides, meine ebenso halbleisen Übersetzungen (wir möchten die Mönche nicht übertönen), unsere gerührte Andacht vor den mit ihrem so schön geformten Lächeln Barmherzigkeit ausstrahlenden Boddhisattva-Statuen, unbewegt und unentwegt, der Souvenirverkauf hinter den Hauptaltaren, der mit unserer grossen Gruppe heissläuft. Alles fliesst ineinander. Mit Hilfe von Hand und Fusszeichen sowie aller Chinesischsprachigen Teilnehmer werden tibetisch-buddhistische Amulette und Schmuckstücke gekauft, digital und bar und sich gegenseitig aushelfend bezahlt (Wie sehr ähnlich und gleichzeitig wie fremd sind sich Klosterkulturen, so scheint es mir. Und wie verwandt sind unsere Sehnsüchte).

Beeindruckt verlassen wir die vibrierende Haupthalle zur Mittagszeit. Noch immer ist der Himmel hellgrau und immer wieder feucht mit Nieselregen. Einige Kilometer weiter in Bamei kehren wir in einem Grasland-Laubenrestaurant ein. Rundherum sind keine anderen Gebäude. In der Hochebene liegen die einzelnen Häuser sehr weit voneinander entfernt. Es gibt viel Platz hier oben und die Wege sind weit. Wir treiben zur Weiterfahrt an.
Der Yala-Schneeberg ist hinter den Wolken nur zu erahnen, doch unser nächstes Ziel, das Kloster Tagong (Tib: Lhagang Gompa), von wo wir ihn so wunderbar sehen könnten, ist ganz da. Das Tagong Kloster ist berühmt für seine besonders schöne, lebensgrosse Statue des jungen historischen Buddha Shakyamuni. Es ist auch ein bedeutsamer Pilgerort für tibetische Gläubige. Ob die Ausstrahlung dieses Ortes aus der Hingabe der dort betenden Menschen erst entsteht oder bereits vor ihnen dort war? Das habe ich mich schon früher gefragt. Ich lasse mich wieder von ihr berühren, beschwingen. Sich den Menschen hinzugeben, sie wahr zu nehmen und dabei die eigene innere Klarheit und Aufrichtigkeit zu bewahren, immer von Neuem, gehört zu den Aufgaben und Herausforderungen unseres Berufs. Beim Heilen leiten und begleiten. Das übe ich. Die buddhistische Lehre mit ihrem Fokus auf Selbstbeobachtung, rationaler Einsicht und Mitgefühl inspiriert mich dabei.
Von hier fahren wir in einem breiten Flussbett weiter. Entlang des Flusses sind viele grosse und kleine Steine mit eingemeisselten Gebeten, Buddhas und Boddhisattvas geschmückt. Einer von vielen “Mani-Stein” Wegen.
Gebete und eine barmherzige weisse Tara Figur an Steinen entlang des Yulin Flusses
Schließlich erreichen wir das Tiguo-Dorf (3200 m.ü.M.) in Jiagengba, westlich des Gongga-Massivs. Es besteht aus mehreren weitläufig verteilten Weilern. In einem davon übernachten wir in sehr stattlichen tibetischen Gasthäusern. Weil unser Zimmerbedarf grösser ist als was ein einzelnes der Gasthäuser bieten kann, haben wir noch einige Zimmer im Nachbarhaus gebucht. Es ist kalt an diesem Abend, der Regen geht in Graupel über, an den Berghängen und auf den Pässen liegt Neuschnee. Während die Hausherren mit potentiellen Kunden die aktuellen Preise der begehrten und teuren lokalen Spezialität Cordyceps Raupen diskutieren, wird ein Bettler eingelassen. Ich habe ihn zuvor zusammen mit seiner Partnerin dick eingepackt auf dem Motorrad vorbeifahren sehen. Er bekommt ein paar Yuan. Es ist schwer zu sagen welche der Geschichten von kranken Familienmitgliedern stimmen und welche nicht, sagt der Hausherr. Er gibt einfach immer ein paar Yuan.

Wir haben Glück. Uns geht es gut. In der Kälte geniesse ich den heissen Yakfleischfeuertopf, die wir selber mit allem Möglichen an Gemüse, Nudeln, Kartoffeln, Pilzen und mehr ergänzen können sehr. Nachdem Abendessen darf ich mich im oberen Stock neben die Grossmutter an den Ofen setzen. Bei einer Tasse heissem Wasser, umgeben von Wärme und alten tibetischen Schriften erzähle ich Erlebnisse dieser Reise und früherer Reisen hierhin. Dank der vor dem Essen angeschalteten Heizdecke kann ich mich später in ein kuschelig warmes Bett verkriechen. Was für ein Luxus! Der nächste Morgen ist immer noch kalt. Ich freue mich, dass unsere Gastgeber uns neben dem in tieferen Lagen üblichen Frühstück mit Reiscongee, Eiern, eingelegtem und gebratenem Gemüse, gedämpften Maultaschen und Brötchen auch “traditionell” tibetisches Hochland-Frühstück vorbereitet haben. Der warme, salzige Buttertee mit den Bällchen aus geröstetem Gerstenmehl, das mit Butter zu Riesenstreuseln verknetet wird, hilft gut gegen die Kälte. Mindestens so wärmend und damit stimmungshebend auf unsere Gruppe, wirkt der sehr gut ausgestattete rosa Kaffee-Bus vor dem Hotel. Die zwei jungen, urbanen Frauen die diesen Bus seit ihrem Zusammenschluss gemeinsam betreiben (der zweite Kaffebus dient nun als Wohnwagen), leben von der Kaffee- und Eiscremeliebhaberszene, die sich in den letzten 10 Jahren in China vor Allem im jungen, wohlhabenden Teil der Mittelschicht entwickelt hat. Sie sind im Sommer hier oben im Grasland, im Winter im Süden am Meer anzutreffen, und mit ihnen die inzwischen recht zahlreichen Kaffeebusse.

Bei leichtem, halbgefrorenem Nieselregen stapfen die Unentwegten unserer Gruppe mit Yin Hongxiang und mir los zum Botanisieren. Es ist immer wieder beeindruckend wie kleine und auch sehr grosse Blüten in den wenigen Wochen seit der Schneeschmelze auf dieser Höhe sich geöffnet haben, oder gerade dabei sind. Sie haben wenig warme und lichte Zeit hier oben und müssen daher so schnell sein. Wir entdecken am Wegrand blühende oder fast blühende grosse Disteln (da ji Cirsus japonicus) , Berberitzen (xiao bo, Berberis amurensis), Enziane (long dan,, unklar welche Art) sibirische Goldkolben( tuo wu Ligularia sibirica) und mehr, die entweder in der nationalen Chinesischen Pharmakopoe gelistet sind oder in der Sichuaner Pharmakopoe, die auch regional verwendete Arzneipflanzten integriert hat. Einige Pflanzen haben erst ihre Blätter herausgestreckt, was sie schwer bestimmbar macht. Ebenso sind die neu zum Logo der Region Ganzi ernannten Blüten der Ese (bianye haitang, Malus bhutanica) einer heimischen Wildapfelsorte, gerade dabei sich zu öffnen. In einer Woche, wenn sie in voller Blüte stehen (und die Wahrscheinlichkeit für Regen kleiner ist) wäre unser Hotel und alle umliegenden ausgebucht gewesen und wir hätten diese jetzt so einsam, karg und kalt erscheinende Umgebung mit deutlich mehr Touristen teilen müssen.
19.05.25 Montag: Jiagengba,Tiguo-Dorf – Zheduo Pass – Kangding
Wir machen uns auf den Weg zurück nach Xinduqiao wo wir uns mit picknick-snacks eindecken weil es auf dieser Strecke keine Restaurants gibt, und von dort an den Aufstieg über den Zheduo Pass, hinter dem wir wieder in die tiefer gelegenen, wärmeren Berge und Täler der Region Ganzi gelangen mit deren Hauptort Kangding. Der Pass liegt auf 4300m über dem Meeresspiegel und bildet sowohl geographisch, klimatisch wie kulturell eine Grenze. Er ist auch ein Erlebnis. Da die Nationalstrasse 318 hier herüberführt treffen eine wilde Mischung aus Nah- und Fernlastwagenfahrern, lokalen tibetischen, chinesischen und weiteren Standverkäufern von allem Möglichen, Gastro-Dienstleistungsgewerblern, Strassen-, Schienen-, und Telekombauarbeitern und deren Zulieferern, sowie Touristen aus dem In- und Ausland hier zusammen. Der Schnee von letzter Nacht ist auf dieser Strecke bereits geräumt, weswegen auch wir hier durchfahren. Auf der von uns eigentlich vorgesehenen, weniger befahrenen Route wäre das noch nicht der Fall gewesen.

Auf der anderen Passseite, im Tal liegt die Stadt Kangding, früher auch Dajianlu, auf tibetisch Dartsundo. Sie hatte schon viele Namen und hat eine lange Geschichte, ihr Gründungsdatum ist jedoch nicht bekannt. Nach Westen kontrolliert sie den Zugang zum Zheduopass in die tibetische Hochebene und damit in die tibetische Kultursphäre und nach Osten den Eingang ins enge Tal und über den Dadufluss, durch von anderen, kleineren Völkern besiedelte Gebiete in die Sichuan Tiefebene und damit in die Han Kultursphäre. Mindestens seit der Tang Dynastie (618-907 ) war sie eine wichtige, oft und heftig umkämpfte Handelsstadt die von legalem und wohl auch illegalem Handel lebte.
In der Tiefebene waren neben Fellen und Wolle auch Salz und Arzneipflanzen vom Hochland begehrt. Bereits in frühen Aufzeichnungen sind Rhabarberwurzeln und Angelica-Arten als wertvolle Handelsprodukte dieser Gegenden gelistet. Umgekehrt waren die geschichtlich berühmtesten der in der Hochebene nachgefragten Handelsgüter Tee und Seidenstoffe. Tee wurde mindestens seit dem 8. Jahrhundert zum Transport zu Ziegeln gepresst und zu Fuss oder mit Mauleseln über die Pässe getragen. Auch Tabak, Opium, Waffen und Vieles mehr wurden hier gehandelt.

Unser Hotel, direkt neben dem Fernbusbahnhof ist (ausser während der Frühstückszeiten vor Abfahrt der Busse) eine Oase der Ruhe inmitten der Geschäftigkeit der Marktstadt.
Nach unserer Ankunft gehen wir zu Fuss (die Stadt ist zu einem guten Teil verkehrsberuhigt) durch die Altstadt zum Gesundheitszentrum mit ambulanter Praxis das vom Krankenhaus für tibetische Medizin in Kangding vor wenigen Jahren als Aussenstation in der Altstadt eröffnet wurde um der Bevölkerung die traditionelle tibetische Medizin näher zu bringen. Dr Gesang Dhoden, der leitende Arzt empfängt uns und zeigt uns was sie in der Praxis anbieten. Er unterrichtet als Gastdozent auch am Institut für Ethnomedizin in Chengdu die Studierenden der Tibetischen Medizin. Den grössten Erfolg haben sie hier in der Praxis mit den in ihrer Spitalapotheke produzierten Kräuterbädern zur Behandlung bzw. Linderung bei rheumatischen Erkrankungen, bei anderen Autoimmun und/oder Stoffwechselerkrankungen, erzählt Dr Gesang Dhoden. Die Einnahmen, die das Kangdinger Spital für Traditionelle Tibetische Medizin in den letzten 5 Jahren durch den Verkauf ihrer medizinischen Kräuterbadmischung im ganzen Land erzielen konnten ermöglichten ihnen den Ausbau ihrer Produktion und die Eröffnung dieser ambulanten Praxis in der Altstadt. Hier werden vor Ort Fuss- oder Ganzkörperbäder angeboten, die Kräutermischung kann auch bezogen und die Bäder damit zu Hause gemacht werden. Ausserdem bietet die Ambulanz Akupunktur-, Akupunkt-Wärmebehandlung (Moxa) sowie die Verschreibung von Arzneipflanzenmischungen nach traditioneller Diagnosestellung, welche das Gespräch, die Puls-, Zungen- und Urindiagnose beinhaltet. Was wie auch in der TCM immer dazugehört sind die individuelle Beratung mit Hinweisen zur Lebensführung. In der Tibetischen Medizin ist dieser Aspekt stark von der Philosophie und der Religion des tibetischen Buddhismus geprägt. Medizinische Notfälle werden hier nicht behandelt.

Nach diesem intensiven Tag verteilen wir uns in der Altstadt, suchen nach Möglichkeiten um unsere Köpfe zu lüften. Ein Bummel über den Frischmarkt mit den unzähligen kuriosen Snacks, durch den Nachtmarkt wo ein Yakkopf abgefackelt wird, eine Fuss- und Schultermassage, die Entdeckung von besonderen Kräutern, (wie dem letzten Sack voll unzertifizierter, wildgesammelter Rhodiola crenulata hongjingtian, vor dessen Verkaufsverbot), Tee in der Altstadt, ein Spaziergang am Fluss, Gespräche über das Erlebte bei frischer Ananas in der Hotellobby, oder durch Rückzug und Nachtruhe, oder von Allem ein wenig, so viele Strategien!
20.05.25 Dienstag: Kangding – Yajiageng Pass – Moxi Stadt
Das heutige Frühstück auszulassen und stattdessen für unser Picknick einzukaufen ist beides ein Genuss für mich. Danach verlassen wir die Stadt Kangding in Richtung Yulin Dorf und Yajia Pass. Wir haben diese Strasse praktisch den ganzen Weg über für uns allein. Die meisten Touristen sind lieber schneller unterwegs als es die engen Kurven erlauben. Während unseres ersten Halts für ein Foto am Findling der den Beginn des Naturschutzgebietes bezeichnet, wird unser wild parkender Bus noch ein paar mal überholt. Zwei Kurven weiter ist Kangding ausser Sicht und wir haben die Strasse für uns. Spätblühende Rhododendren leuchten uns weiss und rosa entgegen, die einzigartige Algenart Trentepohlia jolithus var. yajiagengensis färbt viele der Steine entlang der Bäche intensiv rot.


Obwohl diese Strasse wenig befahren wird, ist das Botanisieren etwas schwieriger geworden, weil die Parkbuchten in den letzten Jahren zunehmend gegenüber den Hängen mit Drahtzäunen abgegrenzt wurden. Die Natur wird so vor uns geschützt. Etwas widerstrebend nehmen wir diesen Fortschritt zur Kenntnis. Und kraxeln am grosszügig ausgesparten Rand eines breit verzweigt fliessenden Bachs hoch wo wir schliesslich reich beschenkt werden mit der Flora die wir hier finden. Die besondere Flechte von der sich Moschusrehe bevorzugt ernähren, türkisblau leuchtende kleine Enziane (lin ye long dan Gentiana squarrosa), verschiedenfarbig blühende, duftende Hochgebirgsseidelbaste, Artemisia und Salbeiarten, mehrere Arzneipflanzen der lokalen und tibetischen Medizin, darunter die Pedicularis oxycarpa (obwohl noch nicht blühend) und das Epilobium angustifolium (das Weidenröschen, auch noch nicht blühend), sowie die seltene Rhodiola yunnanensis, eine der offizinellen Rosenwurzarten hong jing tian.
1: Der erste Tag mit klarem Himmel und Sonnenschein in den Bergen!
2: Im Bachbett vor dem Muduo Pass beim Suchen nach frühen Arzneipflanzen.
3: Spross der Rhodiola yunnanensis
Auf der Muduo Passhöhe, 3948 m.ü.M, zwischen dem Kies das Oxygraphis glacialis ya zhi hua, 鸦跖花ein knallgelbes Blümchen. Es ist ein Hahnenfussgewächs, also eine Gletscheranemone.
1: Stille auf der Passhöhe vom Muduo ins Moxital.
2: Die kleine Gletscheranemone Oxigraphis glacialis
Auf der Südseite fahren wir nun das Moxital hinunter weiter entlang des Gongga Massivs, dessen höchsten Gipfel (7500 m.ü.M.)wir trotz inzwischen blauem Himmel nicht sehen können, weil wir jetzt schon zu nah sind. Unser Picknick unter Bäumen am Bach schmeckt gut trotz der -relativen- Kargheit unseres Menus. Ich habe Fladenbrote, einen grossen Topf frischen Yakjoghurt, frische Mispeln, Salzige und Fermentierte Enteneier, Gemüsechips, und süsse Marronibrötchen im Angebot. Weiter unten am Weg am Parkplatz treffen wir ausser jungen und alten Kräuterverkäufern die frische neben jahrelang gelagerter Ware feilbieten, sogar einen jungen Mann mit Kaffeebus, single origin!
Auf dieser Bergseite beginnt eines der Siedlungsgebiete der Yi Ethnie/Nationalität. Am Nachmittag kehren wir im Städtchen Moxi ein. Der Ort wurde vor drei Jahren durch ein starkes Erdbeben zerstört. Im Zentrum ist der Wiederaufbau schon fast abgeschlossen, in den Seitentälern jedoch noch voll im Gang. Das sehen wir bei unserem Besuch in der heissen Quelle von Hailuogou nach einem festlichen Abendessen. Von drei Bädern ist nur ein einziges in Betrieb. Es ist eine Holzkonstruktion und hat vielleicht auch deshalb dem Beben standgehalten. Aus meiner Sicht ist es von allen auch immer noch das Schönste.
Heute Abend ist der letzte unserer Rundreise durch Westsichuan. Morgen werden wir nach dem Besuch eines Ume-Pflaumen Anbauprojektes in den Bergen von Dayi nach Chengdu zurückkehren. Wie zur Vorfreude, aber auch zum Abschied, erhalten wir zwei Flaschen Ume Wein von unserem Wirt in Moxizhen.



1: das Friedensrichteramt mit 24h self-service zum Aufgeben von Anzeigen.
2: Die von einem französischen Missionar errichtete Kirche.
3. Die Dokumentation des Erdbebens (Stärke 6.8) vom 5. September 2022 im Ortsmuseum.
21.05.25 Mittwoch: Moxi Stadt -Dayi Chujiang, Baiyansi-Chengdu
Die heutige Fahrt bringt uns über den grossen Dadu Fluss und unter den letzten Bergen hindurch auf die Autobahn zurück in die Ebene. Vorbei an riesigen Infrastrukturbaustellen wie einer der Hängebrücken für die Eisenbahn von Chengdu nach Lhasa oder einen der Tunnels für die West-Ost Autobahn. Zum Mittag kehren wir ein bei einem landesweit durch seine Fernsehkochserien berühmten Chef. Wir essen sein Markenzeichengericht im Tontopf gekochte Fischsuppe und andere leckere Sachen. Nebenbei ist er ein grosser Händler von Ebenholz. Die mächtigen, uralten, ausgegrabenen Stämme liegen dunkel und geheimnissvoll auf dem abgegrenzten, aber von oben einsichtigen Grundstück neben der Restaurantterasse.
Trotz Autobahn und wir sind wieder einmal viel später unterwegs als geplant. Der Weg nach Dayi ist weit. Herr Ren, der Geschäftsführer der örtlichen Ume-Pflaumen (Prunus mume, qing mei 青梅) Anbaugemeinschaft ist in der Zwischenzeit noch ins Holz gegangen, so hat er keinen Stress wegen unserer Verspätung und wir müssen auf dem Weg auch nicht pressieren.
Zu Fuss gehen wir mit ihm zu den Feldern. Er zeigt uns die verschiedenen Stadien des Ume-Pflaumen Anbaus. Erst nach circa 6 Jahren erlauben sie dem Baum das Ausreifen von Früchten und ernten das erste Mal. Früher angesetzte Früchte werden abgeschnitten damit der Baum seine Kraft auf das eigene Wachstum fokussiert. Danach kann der Baum mehrere Jahrzehnte grosse Ernten produzieren. Während seiner Lebenszeit pfropfen sie einige Male frische Zweige von anderen Sorten auf. Wir sind ein bis zwei Wochen vor Beginn der Erntezeit da und sehen wie voll die Bäume stehen. Die Früchte dieser Pflaumenart entwickeln einen unverkennbar blumigen Duft, werden jedoch nie weich und süss. In diesem Aspekt sind sie den Quitten ähnlich. Hier werden sie grün gepflückt, mit Zucker- oder mit Salzwasser gekocht, in Wein eingelegt, mit Gewürzen präpariert oder, für die medizinische Nutzung, langsam schwarz geröstet. Das ist die Arznei die wir als wu mei 乌梅 kennen. In Japan werden die Pflaumen dieser Sorte mit Salz und Schwarznesselblättern (Perilla frutescens) in einem komplizierten Verfahren zu Umeboshi eingelegt.

Beim Gang durch die Felder des Dorfes begegnen wir zahlreichen Arzneibuch-TCM pflanzen, die von den Menschen zum Eigengebrauch angepflanzt wurden, sich danach selbstständig gemacht haben oder wild wachsen. So den aromatischen Kalmus shi chang pu (Acorus calamus), die medizinische Gardenie zhi zi, Gardenia jasminoides, die berühmte qing hao Artemisia annua, den wegen übermässiger Wildsammlung geschützten Drynaria Farn gu sui bu und den berberinaltigen huang bo Phellodendron amurense….
1: Drynaria fortunei gu sui bu
2: Die charakteristisch ungefüllte Gardenie G. jasminoides zhi zi hua
3: Eine Pinellia ternata, ban xia als Unkraut im Maisfeld.
Es ist schon spät als wir die Chengduer Vorstädte erreichen. Wir kehren in der Nähe der TCM Universität, wo Yin Hongxiang und die beiden Studentinnen wohnen, in einem grossen Gartenlaubenlokal mit Namen “Das Huhn der armen Leute” ein. Yin Hongxiang gibt vor, er habe es nur empfohlen, weil hier der Parkplatz gross genug ist für unseren Bus. Es stellt sich heraus, dass hier eine sehr interessante und feine Küche serviert wird. Leider ist schon Vieles ausverkauft, weil wir erst circa um 20 Uhr ankommen. Wir sind zurück in der früh zu Abendessenden Metropole Chengdu.
22.05.25 Donnerstag: Chengdu
Heute ist Kräuter-frei. Nach dem Ausschlafen holt Chauffeur He die angemeldete Hälfte von uns zum Besuch des Sanxingdui-Museums in Guanghan ab. Die Anderen erkunden Chengdu auf eigene Faust.
Einige der faszinierenden Masken, Statuen und Goldobjekte (circa 1300-1000 v. Chr.hergestellt) der eigenständigen und bis vor Kurzem unbekannten, vermutlich früh verschwundenen Sanxingdui Kultur die in und um Chengdu gefunden wurden.
Zum gemeinsamen Abendessen treffen wir uns im Restaurant Qin Shan Zhai zum Essen von ‘Qi und Blut Stärkenden’ Kräuter-Feuertopf mit Schwarzknöchigem Huhn (das auf seiner schwarzen Haut weisse Federn trägt), vielen anderen schmackhaften aber leider nicht mehr ganz so umwerfenden Kreationen wie früher in diesem Hause und zum Anstossen auf unsere Reise, natürlich mit grünem Ume-Pflaumenwein. Der dagegen ist wunderbar lieblich.
23.05.25 Freitag: Chengdu
Unser letzter Tag mit viel Programm und der letzte Tag an dem Chauffeur He uns fährt. Der Vormittag ist der Panda-Aufzuchtstation und dem inzwischen riesig ausgebauten, dennoch übervollen Panda Tierpark mit den trotz alldem wunderbaren Pandas gewidmet.

Dann essen wir in einem der vielen Techno-Industrieparks in den Vorstädten von Chengdu in einer kleinen Bude gute aber scharfe suan la hongshufen (sauerscharfe Süsskartoffelnudeln) um rechtzeitig unseren Besichtigungstermin bei Neautus xinhehua yaoye 心荷花药业 im Block daneben warnehmen zu können. Die Firma ist eine der drei grössten in China die aus Arzneipflanzen yinpian 饮片 “getrockneten und präparierten Arzneipflanzenscheiben bereit zur Dekoktherstellung”, bei uns oft ‘Rohdrogen’ genannt, herstellt. Yinpian sind das Ausgangsmaterial aus welchem alle traditionellen und auch praktisch alle phytotherapeutischen Arzneimittel hergestellt werden. Zur Herstellung gehört neben der Aquirierung der trockenen Arzneien von den Anbauern im ganzen Land aus allen Klimazonen auch insbesondere die gesamte Qualitätskontrolle wozu die Identitätsprüfung, die Reinheitsprüfung (das heisst die Prüfung von Verunreinigung durch Schwermetalle, Pilze, Agrarchemikalien oder Anderes) sowie die Prüfung der Leitinhaltsstoffe in den von der Pharmakopoe vorgegebenen Menge gehört. Trotz ihrer Grösse unterliegen auch sie dem schon vor der Pandemie begonnenen harten, innerchinesischen Konkurrenzkampf, dem ‘nei juan’, der sich über alle Bereiche der Wirtschaft erstreckt. Er wird hauptsächlich mittels Preisunterbietung geführt und wird mit dem Konkurs eines Grossteils der Firmen eines Sektors und der Konsolidierung auf einige Wenige pro Sektor enden. Grund dafür ist einerseits das in vielen Branchen die Nachfrage bei Weitem übersteigende Angebot und andererseits das stetige Steigen sowohl der gesellschaftlichen Ansprüche wie auch der gesetzlichen Anforderungen an die Qualität von Produkten.
Seit der Pandemie bietet auch Neautus Dekoktierungsdienstleistungen für Krankenhäuser im Grossraum Chengdu an und hat dazu grosse Investitionen in Dekoktierungsanlagen getätigt. Während der Pandemie wurden während 24 h Dekokte für die Krankenhäuser produziert, die Belegschaft musste rund um die Uhr im Betrieb verbleiben. Die Administration schlief unter ihren Bürotischen, die Lagerarbeiter in den Garagen, die Produzenten in den Gängen ihrer Anlagen. Diese unvorstellbar stressbeladene Phase ist nun vorbei, der potentiell vernichtende Konkurrenzkampf ist noch da. Während es nach wie vor so ist, dass die beste Qualität Arzneipflanzenprodukte ins Ausland verkauft werden, weil dort höhere Preise erzielt werden, sind die Dimensionen des innerchinesischen TCM-Arzneimittelmarktes so ungleich viel grösser als alles im Ausland, dass der Preis und Überlebenskampf vermutlich dennoch im Inneren entschieden werden wird. Wir dürfen die Eingangs- und auch die Ausgangslager ihrer Produkte besichtigen, ebenso die Produktionsanlagen für Arzneien mit toxischen Inhaltsstoffen. Dort erleben wir die gesamte Verarbeitungskette von ban xia Pinellia ternata zu den verschiedenen nicht-toxischen medizinischen Formen wie jiang ban xia (mit frischem Ingwersaft verarbeitet) fa ban xia, (mit Süssholzsaft und Kalk verarbeitet) und qing banxia (mit Alum verarbeitet). Jede dieser Formen wird in riesigen Drehtrommeln die mehrere Tonnen Material fassen verarbeitet. Dann geht es weiter in die Qualitätskontrolle. Ihre Analyselabore sind aktuell in Renovation und werden dabei mit den neusten Geräten bestückt. Ab nächstem Jahr werden sie state -of-the-art Vorzeigelabore sein. Nach anfänglichem Zögern dürfen wir schliesslich auch einen Blick in die bestehenden, circa 15jährigen Labore werfen. Die ausführliche Besichtigung und die anschliessende Gesprächsrunde bei denen wir all unsere Fragen stellen können, ermöglichen ein viel umfassenderes Verstehen und Einordnen der TCM-Arzneimittelindustrie als aus der europäischen Ferne möglich ist.
Nach dieser eindrücklichen Besichtigung ist unser letzter Besuch im botanischen Arzneipflanzengarten der TCM-Universität gleichzeitig unser letzter Kräuter-Programmpunkt dieser Reise. Yin Hongxiang und seine beiden Studentinnen, die uns auf unserer Rundreise auch schon begleitet haben erwarten uns schon, als wir bei anbrechender Dämmerung ankommen. Die knappe Stunde Licht die wir nun haben ist genug um noch einige highlights des Gartens zu bestaunen. Dazu gehören die blühende Curcuma phaeocaulis aus der die Arzneien e zhu 莪术und yu jin 郁金hergestellt werden, die blühende Stemona japonica bai bu 百部, und einige mehr. Einbrechende Dunkelheit und die vernünftigeren Teilnehmenden die aufs Abendessen drängen, helfen uns loszulassen.
1: Die blühenden Curcuma phaeocaulis, aus der die Arzneien e zhu莪术 und yu jin 郁金hergestellt werden
2: Die blühende Stemona japonica, bai bu 百部 im botanischen Arzneipflanzengarten der TCM Universität
3: Ebendort in der Dämmerung unter dem Schattendach vor der Sichuan-Yunnan Asarum chuan dian xi xin 川滇细心(Asarum delavayi)
Wir möchten noch ein letztes Mal auf dieser Reise zusammen mit Yin Hongxiang, Zhou Rongrong und Yang Lu essen. Wir sind im Universitätsviertel, so mangelt es nicht an Kneipen und Restaurants. Es Am Freitag Abend mitten in der Essenszeit spontan für unsere heute 25-köpfige Truppe Platz zu finden, ist dann aber doch nicht so leicht. Mit Hilfe des Netzwerks von Zhou Rongrong und Yang Lu landen wir schliesslich in einem Restaurant das in einem Extraraum im oberen Stock an drei runden Tischen Platz hat für uns. Bis das Essen kommt sitzen wir noch mit etwas Bedenken an den leeren Tischen in diesem Raum, der so wenig von einer Restaurantathmosphäre vermittelt, eher einer grossen, leeren Abstellkammer gleicht. Prioritäten können so verschieden sein! Wir vertreiben uns die Zeit zum Beispiel damit die leicht fettigen Tische zu putzen. Dann, als auf diese Tische nach und nach Essen gestellt wird und wir die ersten Bissen intus haben, stimmt es wieder. Die Universitätsknelle produziert qualitativ gute, sorgfältig gekochte Chengduer Gerichte und geht auf unsere Wünsche ein.
24.05.25 Samstag: Chengdu, Abreisetag
Wie unsere Ankunft, findet auch unsere Abreise in verschiedenen Etappen statt. Die ersten verabschieden wir schon vor dem Frühstück. Das innere Verarbeiten beginnt. Schon während wir letzte Einkäufe tätigen, nochmal im Buchladen stöbern, Gepäck sortieren, Photos weiterleiten, die ersten aufpoppenden Erinnerungen austauschen ordnen wir ein.

Beim Mittagessen sind wir noch eine grössere Gruppe, beim Abendessen eine etwas Kleinere, bis am Abend nur noch die vier länger Bleibenden und ich in Chengdu ihrer Wege gehen. Ich freue mich darüber, dass, soweit ich es wahrnehme, trotz unserer unterschiedlichen Bedürfnisse und vielleicht auch Erwartungen, Alle sich den Arzneipflanzen mit denen wir in Kontakt gekommen sind, auf ihre eigene Art angenähert haben und daraus Inspiration für ihre zukünftige Arbeit mitnehmen konnten.
Jetzt sind wir wieder in unsere verschiedenen Richtungen aufgebrochen, weiter unterwegs oder schon fast zu Hause, mit Sack und Pack bestückt von Aussen und den vielen Eindrücken und Erinnerungen von Innen. Während ich in jene in meinem Kopf zu Geschichten dieser Reise zusammensammle, spriessen dazwischen bereits Ideen für die Routen der Nächsten.

Ich freue mich darauf.

Was noch zu sagen ist:
- © für alle Texte, Photographien und screenshots liegen bei Nina Zhao-Seiler und tcmherbs.org team (ninzhao@tcmherbs.org), wo nicht anderweitig angegeben.
- In diesen Reisegeschichten kommen von vielen Themen nur kleine Zipfel vor (Es gibt so viel mehr Geschichten und Geschichte, in jedem Ort). Wer über irgendetwas davon mehr wissen möchte, kann mich gerne für mehr Infos oder Literaturhinweise kontaktieren
- Christaan und ich arbeiten an einer Dokumentation mit botanischen und medizinischen Informationen über die Arzneipflanzen die wir gesehen und kennengelernt haben. Wir werden allen Interessierten Bescheid geben, sobald sie fertig ist. Euer Interesse könnt Ihr uns hier mitteilen
























